
Für eine Klassenarbeit stellte der elfjährige Schüler Justus Brandt von der Evangelischen Schule Neuruppin eine Reihe spannender Fragen zu bedrohten Korallenriffen an Prof. Christian Wild vom ZMT:
Justus Brandt (Schüler)
Ich meine, einmal gelesen zu haben, dass die Polypen ihre Zooxanthellen abstoßen, wenn diese zu viel Sauerstoff (durch Erwärmung des Wassers) produzieren, da die Polypen sonst an einer Sauerstoffvergiftung sterben würden. Stimmt das?
Christian Wild
Das ist nur zum Teil richtig, denn es scheint nicht der Sauerstoff zu sein, sondern sogenannte freie Sauerstoffradikale, die umso mehr entstehen, je intensiver die Photosynthese der Zooxanthellen aufgrund hoher Wassertemperaturen stattfindet. Diese Radikale können zu schweren Zellschädigungen im Korallengewebe führen.
Justus Brandt (Schüler)
Wie lange kann eine Koralle überleben, wenn die Zooxanthellen ihre Polypen verlassen haben?
Christian Wild
Das hängt vor allem davon ab, wie stark der Stressfaktor ist, der die Koralle zum Ausbleichen gebracht hat (z.B. sehr hohe Wassertemperaturen) und wie viel Umweltstress sonst noch herrscht. Wenn zum Beispiel auch sehr viele Nährstoffe im Wasser sind, dann können Algenblüten entstehen, so dass es zu einem Überwachsen und anschließendem Tod der Korallen kommt. Unter ungestörten Bedingungen können gebleichte Korallen ca. bis zu einem halben Jahr überleben, bevor sie dann wieder Zooxanthellen aufnehmen, wenn der Stress nachlässt.
Justus Brandt (Schüler)
Können sich die Korallen an die erhöhten Wassertemperaturen anpassen?
Christian Wild
Sicherlich in einem gewissen Maß, z.B. durch die Aufnahme hitzeresistenter Zooxanthellen nach der Bleiche oder durch die vermehrte Produktion von sogenannten Hitzeschockproteinen im Korallengewebe. Allerdings bedeutet das immer auch Abstriche in anderer Hinsicht zu machen, z.B. in der Kalkbildung oder im Wachstum. Diese Anpassung geht daher nur bis zu einem gewissen Grad und dauert sehr lang.
Justus Brandt (Schüler)
Wenn die Korallen verschwunden sein sollten, wie kann man dann die Küsten schützen?
Christian Wild
Küstenschutz ist eine ganz wichtige Funktion von Korallenriffen für uns Menschen. Wenn also die Steinkorallen weniger werden oder weniger Kalk bilden, dann werden mit der Zeit auch die von ihnen gebildeten Riffe die Küsten weniger schützen können. Ersatzstrukturen wie Wellenbrecher oder künstliche Riffe aus Beton müssten mit hohem Aufwand installiert werden.
Justus Brandt (Schüler)
Denken Sie, dass die Malediven und andere Inseln wirklich untergehen?
Christian Wild
Ja, die Gefahr besteht tatsächlich, wenn einige der vorhergesagten Szenarien bezüglich des Anstiegs des Meeresspiegels eintreten. Vor allem solche Inseln, die nur knapp über der Wasseroberfläche liegen, sind betroffen.
Justus Brandt (Schüler)
Wird es klappen, ganze Völker umzusiedeln?
Christian Wild
Das ist schwer zu beurteilen. Technisch und zeitlich sicherlich möglich, aber politisch und soziologisch extrem schwierig.
Justus Brandt (Schüler)
Ich weiß, dass Taucher und Schnorchler großen Schaden an den Korallen anrichten können. Halten Sie es für möglich, dass der Tourismus, insbesondere der Tauchtourismus, auf dem derzeitigen Stand „eingefroren“ bzw. sogar heruntergefahren werden kann?
Christian Wild
Die größte Gefahr für Korallenriffe geht ganz bestimmt nicht von Tauchern und Schnorchlern aus. Der globale Klimawandel und direkte menschliche Stressfaktoren wie Überdüngung und Überfischung stellen die größten Gefahren da. Allerdings wäre es wichtig, Tauch- und Schnorchelaktivitäten an den Riffen so zu gestalten, dass sie nur minimalen Schaden anrichten, also zum Beispiel mit absoluten Tauchanfängern erst einmal nur auf Sandflächen vor dem Riff zu tauchen. Von einem generellen Verbot dieser Aktivitäten in Korallenriffen halte ich nichts, denn gerade die Menschen, die Korallenriffe unter Wasser betrachten konnten, engagieren sich für deren Schutz.
Justus Brandt (Schüler)
Wie kann es sein, dass es in wiederkehrenden Abständen zu einem extrem starken Auftreten der Dornenkrone kommt? Was ist der Auslöser dafür?
Christian Wild
Das hat die Wissenschaft noch nicht wirklich klären können. Es gibt höchstwahrscheinlich nicht einen, sondern mehrere Auslöser dafür. Der meiner Meinung nach wahrscheinlichste Grund ist ein Zusammenspiel von hoher Planktonverfügbarkeit und wenig Fressfeinden wie Fischen im Wasser, so dass ein Großteil der Larven des Dornenkronenseesterns überlebt und heranwachsen kann. Beide Faktoren können über Überdüngung und Überfischung vom Menschen beeinflusst werden.
Justus Brandt (Schüler)
Um Korallen das Ansiedeln zu erleichtern, werden künstliche Riffe geschaffen. Wenn sich künstliche Riffe etablieren, muss man bei der Ansiedlung einer Riffgemeinschaft nachhelfen oder werden die Riffe sich selbst überlassen?
Christian Wild
Normalerweise überlaßt man solche Riffe nach der Installation sich selbst in der Hoffnung, dass sich viele Korallenlarven ansiedeln. In einigen Fällen versucht man allerdings, nachzuhelfen durch die Transplantation von Korallenkoloniebruchstücken oder das Einbringen von Korallenlarven. Auch an den Oberflächen der künstlichen Riffe wird teilweise manipuliert, z.B. durch den Einsatz von elektrischem Strom zur vermehrten Kalkbildung oder das Entfernen von Algen.
Justus Brandt (Schüler)
Was denken Sie, ist wirkungsvoller: Das Züchten von neuen Korallen auf bestehenden geschädigten Riffen oder die Erschaffung künstlicher Riffe?
Christian Wild
Beides denke ich ist nur ein Behandeln von Symptomen. In erster Linie sollten wir die Ursachen für den Verlust der Korallen bekämpfen, vor allem den Klimawandel oder aber lokalen Stress (siehe oben). Wenn das nicht passiert, dann ist die Chance groß, dass der Riesenaufwand völlig umsonst ist, denn die mühsam angebrachten Korallen sterben wieder. In einigen Fällen (z.B. nach Naturkatastrophen oder Schiffshavarien) kann es aber begründet sein, lokal Korallen wieder anzusiedeln auf den geschädigten Riffen. Künstliche Riffe oder Schiffswracks sind meiner Meinung nach nur eine Maßnahme zur Unterstützung für den Tauchtourismus, aber nicht geeignet, um Riffe wiederherzustellen.
Justus Brandt (Schüler)
Oft ist es gerade die einheimische Bevölkerung, die aus Unwissenheit oder blanker Armut große Schäden an den Riffen verursacht. Wie kann man sie aufklären?
Christian Wild
Das ist eine sehr gute Frage. Hier ist ein Einbinden sozialwissenschaftlicher Expertise absolut notwendig. Es müssen Konzepte entwickelt werden, um der Bevölkerung vor Ort Verantwortungsbewusstsein für die von ihnen genutzte Ressource Korallenriff zu vermitteln, so dass das Korallenriff nachhaltig genutzt werden kann. Daneben sollten alternative Einkommensquellen geschaffen werden, zum Beispiel im Sektor Ökotourismus.
Justus Brandt (Schüler)
Erreicht man mehr über Verbote und Reglementierungen oder über Aufklärung?
Christian Wild
Auf jeden Fall mehr über Aufklärung vor Ort, aber dies muss behutsam, nicht von oben herab und in der richtigen Sprache passieren. In einigen Fällen sind auch begleitende gesetzgebende und kontrollierende Maßnahmen sinnvoll.
Justus Brandt (Schüler)
Welchen Beitrag könnten wir Kinder zum Schutz der Korallen leisten?
Christian Wild
Eine ganze Menge! Das beginnt bei allen Maßnahmen, die zur Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen beitragen, z.B. weniger Fleisch essen, Urlaub in der Region machen, viel Rad fahren; und auch die Eltern dazu bringen. Sich lieber ein Süsswasser- als ein Meerwasseraquarium zulegen. Und wenn man mal mit den Eltern im Urlaub an einem Korallenriff sein sollte, sich umweltgerecht verhalten, also nicht auf dem Riff herumtrampeln, wenig Abwässer produzieren und keine Korallenrifffische essen.
Justus Brandt (Schüler)
Woran arbeiten bzw. forschen Sie gerade?
Christian Wild
Das sind viele Themen. Vor allem möchte ich mit meiner Arbeitsgruppe herausfinden, welche Faktoren wichtig sind für das Funktionieren eines Korallenriffs und dabei erforschen, wie Menschen über die Einleitung von Abwässern und Schadstoffen oder zu viel Fischfang Korallenriffe beeinflussen können. Außerdem interessiert uns, wie Korallen ihr Riff prägen, also wie sie zum Beispiel über die Abgabe von Zuckern oder Schleimen andere Rifforganismen wie Krebstiere oder Würmer füttern.
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Dornenkronenseesterne auf einer Koralle. Foto: L. Knittweis.